Zukünftige Forschungsfragen: NS-Einflüsse auf das Kinderkurwesen in St. Peter-Ording?
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Heimleiter mit NS-Vergangenheit
Dr. Richard Felten
Richard Felten wurde am 22. Juni 1882 in Woserin geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums wurde er 1909 als Doktor der Medizin approbiert. 1912 heiratete er Felicitas Stoltzenberg, die ebenfalls Ärztin wurde.[1] 1913 erfolge Richard Feltens Zulassung als Allgemeinpraktiker.[2] Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Front.
Karriere machte er im „Dritten Reich“. Am 2. November 1933 trat er der SS bei.[3] Im November 1940 nahm er den Dienstgrad eines Untersturmführers ein.[4] Nach Lockerung der 1933 verhängten Aufnahmesperre der NSDAP, wurde er 1937 Parteimitglied[5] und avancierte zum Ortsgruppenleiter der NSDAP in St. Peter.[6] Zudem war Felten Mitglied im NSD-Ärztebund seit dem 4. Oktober 1938 und in der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD).[7] Felten war in der NS-Zeit politisch aktiv. So ließ er sich 1933 als Kandidat für die Kreistagswahl in Eiderstedt aufstellen.[8] 1943 wurde er Bürgermeister von St. Peter Ording (SPO).[9] Als die Engländer 1945 nach SPO kamen, wurde Felten als Mitglied der NSDAP verhaftet, in Neuengamme interniert und dort entnazifiziert.[10]
1949 wurde Felten wegen Verbrechens gegen die Menschheit angeklagt.[11] Ihm wurde vorgeworfen, an einer Einweisung in ein Konzentrationslager beteiligt gewesen zu sein.[12] Die Anklage wurde jedoch fallen gelassen.[13]
Von 1913 bis 1955 leitete Richard Felten das Heim „Goldene Schlüssel“ in SPO. In den ersten Jahren hatte das Heim nur Kapazitäten für bis zu 10 Patienten.[14] Während der Weltkriege und aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten durchlief es mehrere Krisen; im Zweiten Weltkrieg wurde es zum Lazarett umfunktioniert.[15] Im Jahr 1955 übergab das Ehepaar die Einrichtung an das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das seitdem die Klinik leitet.[16] 1967 wurde Felten zum ersten Ehrenbürger in St. Peter Ording ernannt.[17] Er verstarb ebendort am 24. Januar 1968.[18]
Kliniknamen im Wandel der Zeit[19]
- 1913: Ärztliches Erholungshaus für Erwachsene und Kinder
- 1918: Erholungshaus und Jugendheim St. Peter an der Nordsee
- 1931: Nordsee-Kuranstalt „Goldene Schlüssel“ St. Peter
- 1955: Nordsee-Kuranstalt des DRK „Goldene Schlüssel“
Hugo Kraas
Hugo Kraas wurde am 25. Januar 1911 in Witten als das erste von sechs Kindern des Lehrers Franz Kraas geboren und katholisch erzogen.[20] Er absolvierte 1933 in Rüthen sein Abitur. In demselben Jahr hat er das Reichssportabzeichen Bronze und das Sport-Abzeichen Silber gemacht, des Weiteren sind Übungsstunden mit dem Gewehr dokumentiert.[21] Sein Lehramtsstudium in Kiel brach er nach nur einem Semester ab.[22] Er wohnte in Scharfenberg, Hamburg, Braunschweig, Dachau und Berlin. 1939 heiratete er Ruth (Sünne) Godbersen, mit der er drei Kinder hatte.[23]
Hugo Kraas kann eindeutig als NS-Aktivist eingestuft werden. 1933 trat er der NSDAP und auch der SA bei.[24] Er verbrachte vier Monate im Sturmlager der NSDAP bei Münster.[25] Am 1. Januar 1934 wurde Kraas in der SA zum Rottenführer befördert.[26] In der SS avancierte er zum Obersturmbannführer, Kommandeur des SS-Panzergrenadierregiments 2 sowie Standartenführer der Leibstandarte Adolf Hitler, dann Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS.[27] In Dienstbeurteilungen aus der NS-Zeit wurde Kraas als verantwortungsbewusst, tapfer und ruhig eingestuft, zudem wurden seine Führungseigenschaften und seine nationalsozialistische Überzeugung hervorgehoben.[28] Er stand fortwährend in Kontakt mit den höchsten Personen im Reich wie Hitler, Himmler oder Goebbels und zeichnete für den gewaltsamen Tod vieler Menschen verantwortlich.[29]
Nach Kriegsende musste sich Kraas einem Entnazifizierungsverfahren stellen, wurde allerdings von dem Gericht in Hamburg lediglich als „Mitläufer“ (Entnazifizierungskategorie IV) eingestuft.[30] Es gibt viele Stimmen, die Kraas vorwarfen, auch nach 1945 Nationalsozialist geblieben zu sein. Sein eigener Sohn, Godber Kraas, verneint dies mit dem Hinweis darauf, dass sein Vater im Anschluss für die Liberalen gearbeitet habe.[31] Von 1969 bis 1980 leitete Hugo Kraas das Kinderurheim „Seeschloß“ in SPO. Er starb am 20. Februar 1980 in Selk.[32]
[1] Bundesarchiv Berlin (BArch), R9361-III/523881, „SS-Führerpersonalakten (SSO)“, R9361-IX, Karteikarte im Reichsarztregister, R9361-III/52388, Karteikarte in der Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“; Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH), Abt. 581.4 Nr. 743, Betriebsakte: DRK Nordsee-Kurklinik „Goldene Schlüssel“ St. Peter Ording.
[2] BArch, Karteikarte der Reichärztekammer (RÄK, Slg. BDC).
[3] BArch, R9361-III/523881, Karteikarte in der Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“.
[4] BArch, R9361-III/523881, Karteikarte in der Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“, R9361-IX, Mitgliederkarteikarte in der NSDAP-Gaukartei.
[5] BArch, R9361-IX, Mitgliederkarteikarte in der NSDAP-Gaukartei.
[6] Heitmann, Claus: Dr. Richard Felten. In: Aus der Ortsgeschichte – St. Peter-Ording 26 (2009), S. 35–50.
[7] BArch, Karteikarte der Reichsärztekammer (RÄK, Slg. BDC).
[8] Vgl. Sörensen, Chrstian M.: Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt 1918–1933. Neumünster 1995, S. 457.
[9] Shz: Erinnerung an das erste Arzt-Ehepaar des Ortes. URL: https://www.shz.de/lokales/husum/artikel/erinnerung-an-das-erste-arzt-ehepaar-des-ortes-41062491 (19.01.2023).
[10] Vgl. Piening, Holger: Westküste 1945. Nordfriesland und Dithmarschen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Heide 2000, S. 128.
[11] LASH, Abt. 351 Nr. 781, Berichtsakte: Ermittlungsverfahren (NSG) gegen Felten, Richard, Dr. aus St. Peter und Andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit; URL: https://www.chronik-spo.de/ortsgeschichte/zahlenchronik/ (28.01.2023).
[12] LASH, Abt. 351 Nr. 781, Berichtsakte: Ermittlungsverfahren (NSG) gegen Felten, Richard, Dr. aus St. Peter und Andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
[13] LASH, Abt. 351 Nr. 781, Berichtsakte: Ermittlungsverfahren (NSG) gegen Felten, Richard, Dr. aus St. Peter und Andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
[14] LASH, Abt. 581.4 Nr. 743, Betriebsakte: DRK Nordsee-Kurklinik „Goldene Schlüssel“ St. Peter Ording.
[15] Deutsches Rotes Kreuz: Eine 100-jährige Erfolgsgeschichte. URL: https://www.drk-nordsee-reha-klinik.de/start/ueber-uns/unsere-klinik/100-jahre-fuer-die-gesundheit.html (16.01.2023).
[16] Deutsches Rotes Kreuz: Eine 100-jährige Erfolgsgeschichte. URL: https://www.drk-nordsee-reha-klinik.de/start/ueber-uns/unsere-klinik/100-jahre-fuer-die-gesundheit.html (16.01.2023).
[17] Shz: Erinnerung an das erste Arzt-Ehepaar des Ortes. URL: https://www.shz.de/lokales/husum/artikel/erinnerung-an-das-erste-arzt-ehepaar-des-ortes-41062491 (19.01.2023).
[18] Shz: Erinnerung an das erste Arzt-Ehepaar des Ortes. URL: https://www.shz.de/lokales/husum/artikel/erinnerung-an-das-erste-arzt-ehepaar-des-ortes-41062491 (19.01.2023).
[19] Deutsches Rotes Kreuz: Eine 100-jährige Erfolgsgeschichte. URL: https://www.drk-nordsee-reha-klinik.de/start/ueber-uns/unsere-klinik/100-jahre-fuer-die-gesundheit.html (16.01.2023).
[20] BArch, R9361-IX, Mitgliederkarteikarte in der NSDAP-Gaukartei.
[21] BArch, VBS 1009 (NS 23)/ZA II 06263, Lebenslauf Kraas.
[22] BArch, R9361-III/537383, Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“.
[23] BArch, R9361-III/537383, Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“, R9361-IX, Mitgliederkarteikarte der NSDAP-Gaukartei.
[24] BArch, VBS 1009 (NS 23)/ZA II 06263, Lebenslauf Kraas, R9361-IX, Mitgliederkarteikarte in der NSDAP-Gaukartei.
[25] BArch, VBS 1009 (NS 23)/ZA II 06263, Lebenslauf Kraas.
[26] BArch, VBS 1009 (NS 23)/ZA II 06263, Lebenslauf Kraas.
[27] BArch, R9361-III/537383, Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“.
[28] BArch, R9361-III/537383, Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“.
[29] Vgl. BArch, R9361-III/537383, Sammlung „SS-Führerpersonalakten (SSO)“; Bremm, Klaus-Jürgen: Die Waffen-SS. Hitlers überschätzte Prätorianer. Darmstadt 2018, S. 143.
[30] Seite „Hugo Kraas“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. November 2022, 07:40 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hugo_Kraas&oldid=228401413 (10.02.2023).
[31] Der Nordschleswiger: Auf Spurensuche: Erinnerungen an viel Gewalt. URL: https://www.nordschleswiger.dk/de/deutschland-gesellschaft-schleswig-holstein-hamburg-suedschleswig/spurensuche-erinnerungen-viel (10. Februar 2023).
[32] Westemeier, Jens: Himmlers Krieger. Joachim Peiper und die Waffen-SS in Krieg und Nachkriegszeit. 2. Aufl. Paderborn u. a. 2014, S. 669.
